Rettung lokaler Genusskultur

Slow Food und Bund Naturschutz Bamberg rufen zur Einkaufsrebellion auf, um die letzten kleinen handwerklich arbeitenden Lebensmittel-Erzeuger zu unterstützen

Bamberg Ein Osterfrühstück aus Fertigprodukten, Tiefkühlkost, Flüssigei-Rührei und Teiglinge, halb durch Europa gekarrt, ist der Gruselfilm, der für die Verantwortlichen von Slow Food und Bund Naturschutz durch die Corona-Krise schon nahe rückt. „Der ohnehin schon konzentrierte Lebensmittelmarkt wird sich aufgrund der Pandemie noch zügiger und extremer wandeln, als das durch Dauer-Tiefpreise für Agrarprodukte und den Mangel an Nachwuchs bei den kleinen handwerklich arbeitenden Genuss-Handwerkern ohnehin schon war“, sagt Christine Hertrich, Leiterin der Geschäftsstelle des Bund Naturschutz in Bamberg.

Ebenfalls große Sorgenfalten sieht man bei Andreas Schneider, der die Bamberger Slow-Food-Aktivitäten koordiniert. „Der Shutdown wird Onlinehandel und Supermärkten, die lange schon in punkto Bequemlichkeit und Preiskampf punkten, extrem nutzen“, so seine Prognose. „Der lange Jahre schon sichtbare Umbruch, steigert sich auf ein neues Niveau“. Schon jetzt hat es seinen Fürther Lieblingsmetzger erwischt. „Da gab es die besten Bratwürste der Stadt“, sagt er. 

Ab Ostersamstag sperrt Familie Förderreuther ihr Geschäft dort nach 50 Jahren zu. „Mangel bei Fachpersonal, Bürokram neben Ladenbetrieb, 70-Stunden-Wochen und zuletzt die Auflagen für das Kassensystem sind irgendwann der Killer solch kleiner inhabergeführter Erzeuger, für die Aufwand und Ertrag dann in keinem Verhältnis mehr stehen“, so der gebürtige Fürther. „Da verschwinden Kulturträger, mit denen die lokale Identität und Lebensart eng verknüpft war, für immer unwiederbringlich. So als ob Bamberger Hörnla und Rauchbier aussterben“. Daher engagiert er sich bei Slow Food für das Netzwerk kleiner, regionaler, nachhaltig und familiär arbeitender Strukturen und gegen die austauschbar gewordene Massenware industriell erzeugter Lebensmittel der Weltkonzerne.

Corona bedroht Kultur

Ähnlich äußert sich Christian Merz von der Brauerei Spezial dieser Tage in einem Filmbeitrag der Deutschen Welle zum Thema „Corona-Krise bedroht Existenzen“. Trostlose Umsätze bringen die Brauerei in Gefahr. Zwar hat Merz Hoffnung, dass die erzwungene Pause nicht allzu lange dauert. Aber es wäre traurig, wenn man der Letzte wäre, der den Betrieb dann, nach fast fünfhundert Jahren an die Wand gefahren hat „und das für etwas, wofür man gar nichts kann“, so Braumeister Merz.

 „Dies wird dann wiederum kleine bäuerliche Betriebe treffen“, so Schneider und Hertrich, die beide einst bei der Katholischen Landjugend aktiv waren, und den Bezug von regionaler Bio-Braugerste für die hauseigene Rauchmalz-Herstellung im „Spezi“ mit engagierten Bäuerinnen und Bauern auf dem Jura einst begleitet hatten. Denn Hertrich kennt die Sorgen kleiner bäuerlicher Betriebe aus der eigenen Familie. Sie ist selbst auf einem kleinen Bauernhof in Sambach, im Landkreis, aufgewachsen, hat dann aber Theologie und Soziale Arbeit in Bamberg studiert. „Denn der Irrwitz mit unseren kleinen Strukturen hier, mit der Massenproduktion auf dem Weltmarkt konkurrieren zu wollen, ist eine Rechnung, die nie aufgehen kann“. In der Landjugend war sie in den neunziger Jahren agrarpolitische Sprecherin auf Bundesebene.

„Wir brauchen daher jetzt dringend eine Konsum- und Verbraucherrebellion“ fordert Schneider beim Pressegespräch. „Durch die Unterstützung mit dem eigenen Einkaufskorb können wir regionale Strukturen, die Versorgung mit frischen und guten Lebensmitteln, fern von Backmischungen, Fertigprodukten, Zusatzstoffen, Geschmacksverstärkern, E-Nummern und gentechnisch manipulierter Zutaten, schon auch selbst steuern“, so der Slow-Food-Sprecher, der ebenfalls Theologie in Bamberg studiert hat.

Auch Kindergärten, die Verpflegung an Schulen, Kantinen, die Kirchen sind hier als Verbraucher und Akteure gefordert, sagt Schneider. Damit „Solibrot“ und „Kunigundenringe“ von Schulen und vom Erzbistum nicht nur zur Fastenzeit und am Kunigundentag bei den dafür zuständigen Bäckermeistern bestellt werden. „Kurze Wege, Einkauf bei den letzten, noch verbliebenen Bamberger Gärtnerfamilien zum Beispiel“ sagt Schneider, und Direktvermarkter, Hofläden, der Bauern- und Wochenmarkt“ ergänzt Hertrich, „tragen zu Klimaschutz bei und stärken Familien vor Ort, statt die Logistikzentren der großen Food-Monopole“.

Bamberg kauft Slow

Um Alternativen aufzuzeigen haben Slow Food und der Bund Naturschutz in Bamberg nun eine gemeinsame Kampagne gestartet. Unter dem Motto „#bambergkauftslow“ gibt es seit der Karwoche nun eine Online-Plattform, die über Instagram zur Vernetzung von Informationen und Interessierten beitragen soll. Beispielhaft werden dort Anbieter vorgestellt, die sich für nachhaltige und handwerkliche Food-Kultur engagieren. Unterstützt wird die Initiative durch das Projekt „Vom Acker auf den Teller - Nachhaltiger Konsum in Bamberg“. Damit werben Bund Naturschutz und Solawi in Bamberg für gute Lebensmittel im Einklang mit der Jahreszeit und der Region. Gefördert wird das Projekt aus dem Programm zur Intensivierung der Umweltbildung in Bayern.

„Es geht dabei um Wertschätzung für die aufwändige Arbeit, die hinter Qualitätsprodukten steckt, die nicht zu Billigpreisen zu haben ist“ sagt Hertrich. „Um Respekt für die Produzenten, ob Gärtnerfamilie, Brauer und Bäcker, die sich für unsere Ernährung engagieren. Und um die Solidarität von Verbrauchern und Erzeugern, von Stadt und Land.“

„Wir sind durch die Pandemie jetzt an einem Punkt, an dem wir die regionale Genusskultur beherzt retten müssen“, sagt Schneider abschließend. Das betrifft uns alle. „Auch die Stadt Bamberg muss ihre Vorbildfunktion stärker wahr nehmen. „Abnahme- und Rahmenverträge eingehen, um kleine Erzeuger oder die letzten Repräsentanten im urbanen Gartenbau zu stützen und Planungssicherheit zu bieten.“ „Sonst gibt’s Bamberger Hörnla bald nur noch als Backteig in der Tube“, so Schneider.

Weitere Informationen zum Projekt #bambergkauftslow:

www.instagram.com/bambergkauftslow

und unter:

https://www.slowfood.de/slow_food_vor_ort/mainfranken_hohenlohe

Lokale Adressen

Eine umfangreiche Sammlung von Anbietern regionaler, biologisch erzeugter und fairer Produkte bietet unser "Wegweiser nachhaltiger Konsum in und um Bamberg"